Home Inhalt  Kandinskys Bühnenkomposition "Der gelbe Klang"

nach unten

4 Kandinskys Bühnenkomposition "Der gelbe Klang"

Die Beschäftigung mit den Konvergenzen und Divergenzen der verschiedenen Künste und die Erkenntnis, daß jede Kunst nur ihr eigene Kräfte besitzt, münden bei Kandinsky in der Vorstellung einer "monumentalen Kunst"[1]. Damit ist die aus der "Vereinigung der eigenen Kräfte verschiedener Künste"[2] hervorgehende Kunst gemeint, deren erstes Werk Der gelbe Klang 1912 im Almanach Der Blaue Reiter erschien.

In der Vorrede Über Bühnenkomposition zum Gelben Klang erläutert Kandinsky genau, was er sich unter einer derartigen Bühnenkomposition vorstellt. Kandinskys zentrales Anliegen besteht in der Auslösung innerer Erlebnisse beim Zuschauer, sogenannter "Seelenvibrationen"[3]. Im Gegensatz zu bisherigen Bühnenwerken wie der Oper oder dem Ballett, bei denen die Wirkungsformen auf einer rein äußerlichen Basis aufbauen, wird bei der Bühnenkomposition die innere Notwendigkeit zur einzigen Quelle. Kandinsky kritisiert bei Drama, Oper und Ballett die Beliebigkeit des Zusammenhangs der verschiedenen Künste, die soweit reicht, daß "sogar in der Praxis nach Belieben einzelne Tänze eingeschoben oder ausgelassen"[4] werden. Auch die positive Addierung (1 + 1 = 2; 2 + 1 = 3) als Folge des Materialismus trägt zu einer Gleichschaltung der Mittel bei. So unterstützt das Fortissimo als unterstreichendes Element der Musik eine starke Gemütsbewegung. Die Mittel der verschiedenen Künste "werden zu einer äußerlichen Einheit konstruiert"[5]. Für Kandinsky sind sie damit ihres Wesens beraubt. Als Konsequenz ordnet Kandinsky alles dem Innerlichen unter:

"1. Es verschwindet plötzlich der äußere Schein jedes Elementes. Und sein innerer Wert bekommt vollen Klang. 2. Es wird klar, daß bei Anwendung des inneren Klanges der äußere Vorgang nicht nur nebensächlich sein kann, sondern als Verdunklung schädlich. 3. Es erscheint der Wert des äußeren Zusammenhangs im richtigen Licht, d. h. als unnötig beschränkend und die innere Wirkung abschwächend. 4. Es kommt von selbst das Gefühl der Notwendigkeit der inneren Einheitlichkeit, die durch äußere Uneinheitlichkeit unterstützt und sogar gebildet wird. 5. Es entblößt sich die Möglichkeit, jedem der Elemente das eigene äußere Leben zu behalten, welches äußerlich im Widerspruch zum äußeren Leben eines anderen Elementes steht."[6]

Für Kandinsky folgt daraus der völlige Verzicht auf eine Handlung im herkömmlichen Sinne. Er macht die musikalische, tanzkünstlerische und malerische Bewegung selbst zu Handlungsträgern.

Kandinskys Beschäftigung mit Bühnenkompositionen fällt - wie bei Schönberg die Hinwendung zur Malerei und die Komposition seiner Bühnenwerke Erwartung 1908 und der Glückliche Hand 1909-1913 - in eine Zeit des künstlerischen Umbruchs. Alle Bühnentexte und ein Großteil der Gedichte Kandinskys entstanden zwischen 1909 und 1914, zu einer Zeit, da Kandinsky sich in der Übergangsphase von gegenständlicher zu abstrakter Malerei befand. Künstler wandten sich immer wieder einer anderen Kunstgattung zu, um in einer Umbruchphase "im eigenen Medium"[7] angestaute Spannungen zu lösen. Die Unbefangenheit und Losgelöstheit von Verantwortung und jahrhundertealten Traditionen wirkten befreiend und ermöglichten ein spielerisches Experimentieren.[8]

Der gelbe Klang geht aus dem kurzen Bühnenspiel Riesen hervor, das sich im Manuskriptheft zwischen den Bühnenkompositionen Schwarz und Weiß und Grüner Klang befindet. Im Jahr 1909 hat Kandinsky den Titel Riesen durch Der gelbe Klang ersetzt und die Bühnenkomposition bis zur Veröffentlichung 1912 noch mehrmals überarbeitet. Die Mitwirkenden des Gelben Klangs sind namenlos und entindividualisiert: "Fünf Riesen, undeutliche Wesen, Tenor (hinter der Bühne), ein Kind, ein Mann, Menschen in losem Gewand, Menschen in Trikots, Chor (hinter der Bühne)."[9] Der Mensch wird zum anonymen Darsteller und zum Träger von Farbe und Bewegung funktionalisiert:

"Von links erscheinen viele Menschen, in verschiedenfarbige Trikots gekleidet. Die Haare sind mit entsprechender Farbe verdeckt. Ebenso die Gesichter. (Die Menschen sind wie Gliederpuppen.) Erst kommen graue, dann - schwarze, weiße und schließlich farbige Menschen. Die Bewegungen sind verschieden in jeder Gruppe."[10]

Den musikalischen Teil der Bühnenkomposition übernahm Kandinskys Freund Thomas Hartmann. Die beiden hatten schon mehrfach zusammengearbeitet, und Kandinsky war bei dem jungverheirateten Paar Hartmann, das nur ein paar Häuser von ihm entfernt wohnte, häufig zu Gast. In einem unpublizierten Vortrag von Hartmann heißt es:

"Wir begannen an die einzelnen Szenen zu denken und wie sie in Ballett umzusetzen seien, da erkannten wir, daß die existierende Ballettform uns nicht das geben konnte, wonach wir suchten. Wir wollten etwas völlig anderes. - Gerade zu dieser Zeit schloß sich uns ein begabter junger Mann an, der unsere Ziele verstand. Es war Alexander Sacharoff, der später ein berühmter Tänzer wurde. Wir begannen uns mit dem altgriechischen Tanz zu beschäftigen, und Sacharoff, in den Museen zu studieren. So kamen wir von Andersen zu Daphnis und Chloe. Kandinsky machte eine Skizze für das erste Bühnenbild, eine wundervolle Trireme mit Kriegern. Es war kein realistisches Bild, aber es vermittelte einen erstaunlich starken Eindruck von Daphnis' Schrecken. [...] Jedenfalls aber führten diese Arbeiten Kandinsky zu seinem Bühnenwerk ‚Der gelbe Klang', das als eines der größten Wagnisse auf diesem Gebiet angesehen werden muß. Der Text wurde im Blauen Reiter abgedruckt. Die Musik dazu schrieb ich, aber nur entwurfsweise, da die letzte Form und die Orchestrierung von der Art des Theaters abhängen würde, das das Stück abnahm."[11]

Der gelbe Klang blieb zu Lebzeiten Kandinskys unaufgeführt. Eine mit Hugo Ball, dem Gründer des Kabaretts Dada in Zürich geplante Aufführung am Künstlertheater in München wurde durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges verhindert. Nina Kandinsky beschreibt in ihren Erinnerungen mehrere Versuche, das Werk auf die Bühne zu bringen. "Es war jedoch schwer, einen geeigneten Komponisten für den Gelben Klang zu finden."[12] Über die Erstaufführung des Gelben Klanges existieren unterschiedliche Angaben. Während Hahl-Koch die erste Aufführung auf das Jahr 1972 in New York datiert,[13] schreibt Kandinskys Witwe, daß das Werk erstmals 1975 anläßlich der dritten Musikfesttage in La Saint Baume mit Musik von Alfred Schnittke inszeniert wurde.[14] Im Werkverzeichnis Schnittkes hingegen, wird als Premierendatum in La Saint Baume der Sommer 1974 genannt.[15]

Der gelbe Klang präsentiert sich als ein Entwurf einer abstrakten Synthese der Künste. Kandinsky verzichtet auf eine äußere Handlung und macht die Grundelemente Musik, Farbe und Tanz selbst zum Inhalt. Er erreicht damit ein zweckfreies Farben- und Formenspiel mit Musik, losgelöst von jeglichen Konventionen. Damit kommt für Hahl-Koch dem Bühnenstück eine historische Bedeutung zu:

"Die historische Bedeutung [liegt] darin, daß hier zum ersten Mal im nachnaturalistischen Theater unter Verzicht auf alle Hilfen des logisch-kausalen Zusammenhangs eine Synthese verschiedenartiger Elemente gelungen ist, die in der Phantasie des Zuschauers zu Ende geführt wird. [...] Damit hat Kandinsky eine Gattungsform erschlossen, die als Vorstufe des deutschen expressionistischen Dramas gelten darf."[16]



[1] W. Kandinsky [1], S. 56
[2] ebd., S. 56
[3] W. Kandinsky [5], S. 141
[4] ebd., S. 140
[5] ebd., S. 140
[6] ebd., S. 140 f.
[7] Hahl-Koch [1], S. 191
[8] vgl. Hahl-Koch [1], S. 191
[9] W. Kandinsky [3], S. 210
[10] ebd., S. 226
[11] Hartmann, Thomas: Unveröffentlichtes Manuskript eines in Newe York gehaltenen Vortrags, zitiert nach: Hahl-Koch [1], S. 199
[12] N. Kandinsky, S. 157 f.
[13] vgl. Hahl-Koch [1], S. 199
[14] vgl. N. Kandinsky, S. 158
[15] vgl. Kienscherf, S. 195
[16] Hahl-Koch [1], S. 201 f.


Home Inhalt  Kandinskys Bühnenkomposition "Der gelbe Klang"

 

 

© 1999  Daniel Scheufler