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1 Die Freundschaft Schönberg-Kandinsky

Im Januar 1911 besuchte Wassily Kandinsky zusammen mit Kollegen der Neuen Künstlervereinigung München auf Betreiben von Franz Marc[1]; ein Konzert mit Werken von Arnold Schönberg. Zur Aufführung gelangten Schönbergs Streichquartett op. 10 von 1907/08 und die drei Klavierstücke op. 11 von 1909. Die Künstler, allen voran Kandinsky, waren begeistert. 

„Das Publikum [hingegen] benahm sich pöbelhaft wie Schulfratzen, nießte und räusperte sich unter Kichern und Stühlerücken, so daß es schwer war, der Musik immer zu folgen.“[2]

Wohl noch unter der Wirkung des Konzertes entstand Kandinskys Ölbild Impression III (Konzert). Kandinsky erkannte in der freier werdenden Atonalität der Sätze im Streichquartett op. 10 und in der voll ausgeprägten Atonalität der Klavierstücke op. 11 eine große Wesensverwandschaft mit seiner immer abstrakter werdenden Malerei. Die Eindrücke des Konzerts veranlaßten Kandinsky, mit Schönberg in Kontakt zu treten. Möglich machte dies seine Lebensgefährtin Gabriele Münter, die die Adresse Schönbergs herausgefunden hatte.[3] Kandinsky war von der Musik Schönbergs so beeindruckt, daß er sofort einen Brief an ihn schrieb:

„Entschuldigen Sie bitte, daß ich ohne das Vergnügen zu haben Sie persönlich zu kennen einfach an Sie schreibe. Ich habe eben Ihr Concert hier gehört und habe viel wirkliche Freude gehabt. [...] Sie haben in Ihren Werken das verwirklicht, wonach ich in freilich unbestimmter Form in der Musik so eine große Sehnsucht hatte. Das selbständige Gehen durch eigene Schicksale, das eigene Leben der einzelnen Stimmen in Ihren Compositionen ist gerade das, was auch ich in malerischer Form zu finden versuche.“[4]

Mit diesem Brief leitete Kandinsky eine langjährige Korrespondenz und Freundschaft mit Schönberg ein. Zu einer persönlichen Begegnung kam es erst Mitte September 1911,[ 5 ] als Schönberg den Spätsommer in Berg am Starnberger See in der Nähe von München und Murnau verbrachte, wo Kandinsky ein Haus besaß. Die Freundschaft dehnte sich schnell auch auf Familie und Gefährten aus. Kandinsky war zweifellos der aktivere Partner. Kurz nach dem Vorabdruck eines Teils des Kapitels Oktaven- und Quintparallelen aus Schönbergs Harmonielehre in der Zeitschrift Musik übersetzte er Teile davon ins Russische und kommentierte sie. „Diese Auszüge erschienen unter Schönbergs Namen als ‚Paralleli v oktavach i kvintach‘[6] im Katalog der Ausstellung Salon 2, internationale Kunstausstellung. Odessa 1910/11, die von Kandinskys Freund Vladimir Izdebskij organisiert wurde. Zur selben Zeit versuchte Kandinsky, einen Kontakt zwischen Schönberg und dem russischen Künstler Nikolaj Kulbin herzustellen. Auf dieses Betreiben hin reiste Schönberg Ende 1912 zu der von Kulbin gegründeten Künstlervereinigung ARS nach St. Petersburg, zu der er als Mitglied eingeladen war.[7]

Im Dezember 1911 waren in der ersten Ausstellung des Blauen Reiters auch Bilder Schönbergs vertreten: Selbstporträt und Vision.[8] Für den Almanach des Blauen Reiters schrieb Schönberg auf massives Drängen von Kandinsky den Aufsatz Das Verhältnis zum Text. Wie stark das Interesse Kandinskys an einer Veröffentlichung Schönbergs im Almanach war, zeigen mehrere Passagen in Briefen:

„Nun, der Blaue Reiter! [...] Erste No. ohne Schönberg! Nein, das will ich nicht. Geben Sie uns 10-15 Seiten! Wie gesagt – ohne Schönberg darf es nicht sein.“[9]

„Bitte schicken Sie schnell Ihre Musik? Und der Artikel? Soll ich denn darauf verzichten? Schreiben Sie doch schnell etwas! Wie soll die deutsche Musik ohne Artikel bleiben? Es kommen 2 russische.“[10]

„Ich erwarte also Ihren Artikel und freue mich! Heute habe ich die letzten Manuscripte in Druck gegeben. Schicken Sie also recht schnell!“[11]

Neben erwähntem Aufsatz und den Bildern steuerte Schönberg das Lied Herzgewächse[12] bei, ein ausgeprägtes Beispiel freier Atonalität.

Den Sommer des Jahres 1914 verbringen die Familien Schönberg und Kandinsky auf dem Land in Bayern. Der Gedankenaustausch zwischen Schönberg und Kandinsky war nun nicht mehr auf Briefe angewiesen. Mit dem Ausbruch des Krieges trennten sich ihre Wege wieder. Kandinsky flieht am 3. August zusammen mit Gabriele Münter in die Schweiz. Ende November reist er von Zürich über den Balkan nach Rußland und läßt sich in Moskau nieder. Der Kontakt zu Schönberg ist nun auf Jahre unterbrochen. Erst als Kandinsky Ende 1921 nach Deutschland zurückkehrt, tritt er wieder mit Schönberg in Kontakt, und seine Zeit der Isolation ist beendet.[13] Im Juni 1922 siedelte er von Berlin nach Weimar über, wo er seine Tätigkeit am Bauhaus aufnahm. Besonders die fächerübergreifende Zusammenarbeit inspirierte Kandinsky und veranlaßte ihn, nach Möglichkeiten zu suchen, wie er Schönberg daran beteiligen könne. Er wollte Schönberg für die Leitung der Weimarer Musikhochschule gewinnen:[14]

„Wie oft sagte ich mir: ‚wenn doch Schönberg da wäre!‘ Und denken Sie sich, jetzt könnte er vielleicht kommen, da sich hier ein Kreis mit gewissem Einfluß auf die notwendigen Stellen gebildet hat. Vielleicht hängt die Entscheidung nur von Ihnen ab. Im Vertrauen: die hiesige Musikschule soll einen neuen Leiter bekommen. Und da dachten wir gleich an Sie.“[15]

Obwohl Schönberg prinzipielles Interesse an der Stelle zeigte,[16] lehnte er sie ab. Der Grund lag in einem Zerwürfnis mit Kandinsky, das durch Alma Mahler-Werfel ausgelöst wurde: 

„Eines Tages ging sie zu Schönberg und sagte ihm: ‚Kandinsky ist Antisemit.‘ Alma Mahler fand bei ihm leider offene Ohren, denn Schönberg hatte immer das Gefühl, als Jude zum Mißerfolg verurteilt zu sein. [...] Es muß ihn tief getroffen haben, jetzt einen sehr engen Freund im Lager der Antisemiten zu wissen.“[17]

Daß diese Intrige von Erfolg gekrönt war, ist auf die unterschiedliche Lebenswirklichkeit Schönbergs und Kandinskys zurückzuführen. Bereits 1920 bekam Schönberg den wachsenden Antisemitismus zu spüren. Als er in Mattsee den Sommer verbrachte, forderten dort Plakate die Juden auf, die Stadt zu verlassen. Auch Schönberg sollte seinen christlichen Glauben nachweisen. Schönberg, obwohl protestantisch getauft, fühlte sich dem Weltjudentum verbunden und reiste ab. Kandinsky  erkannte noch nicht die Folgen des Antisemitismus, die für Schönberg bereits abzusehen waren. In einem Brief schrieb Schönberg an Kandinsky:

„[...] ich habe gehört, daß auch ein Kandinsky in den Handlungen der Juden nur Schlechtes und in ihren schlechten Handlungen nur das Jüdische sieht, und da gebe ich die Hoffnung auf Verständigung auf. Es war ein Traum. Wir sind zweierlei Menschen. Definitiv!“[18]

In einem zweiten Brief heißt es:

„Warum sagt man, daß die Juden so sind, wie ihre Schieber sind? Sagt man auch, daß die Arier so sind, wie ihre schlechtesten Elemente? [...] Wozu aber soll der Antisemitismus führen, wenn nicht zu Gewalttaten? Ist es so schwer sich das vorzustellen? Ihnen genügt es vielleicht, die Juden zu entrechten. Dann werden Einstein, Mahler, ich und viele andere allerdings abgeschafft sein. Aber eines ist sicher: Jene viel zäheren Elemente, dank deren Widerstandsfähigkeit sich das Judentum 20 Jahrhunderte ohne Schutz gegen die ganze Menschheit erhalten hat, diese werden sie nicht ausrotten können.“[19]

Schönberg erkannte schon lange vor Hitlers Machtergreifung den Völkermord als Konsequenz des Antisemitismus und warf Kandinsky Unverständnis vor. Dieser war über Schönbergs Äußerungen erschüttert und konnte sich den Hintergrund für Schönbergs Unterstellungen nicht vorstellen.

„Kandinsky ging zu Gropius und zeigte ihm den Brief. Gropius wurde blaß und sagte spontan: ‚Das ist Alma.‘ Er begriff sofort, daß seine Frau die Geschichte inszeniert hatte.“[20]

Die Freundschaft war nun auf Jahre hinaus unterbrochen. Erst im Sommer 1927 kam es wieder zum Zusammenschluß. Kandinsky verbrachte mit seiner Frau Nina die Ferien in Pörtschach.

„An einem Nachmittag gingen wir am Seeufer spazieren und hörten plötzlich eine Stimme: ‚Kandinsky! Kandinsky!‘ Es war Schönberg. Er hielt sich dort mit seiner jungvermählten Frau Gertrud während seiner Sommerferien auf. [...] Zwei Freunde, die in München Freundschaft geschlossen hatten, sahen sich wieder.“[21]

Zu einem regelmäßigem Briefwechsel kam es allerdings nicht mehr. Aus den letzten Jahren ist nur noch ein Brief von Kandinsky bekannt, den er 1936 an Schönberg geschrieben hat.



[1] vgl. Brief von F. Marc an A. Macke, 14.1.1911, in: Hüneke, S. 280
[2] Brief von F. Marc an A. Macke, 14.1.1911, in: Hüneke, S. 280 f.
[3] vgl. Hahl-Koch [2], S. 68
[4] Brief von W. Kandinsky an A. Schönberg, 18.1.1911, in: Hahl-Koch [1], S. 19
[5] vgl. Hahl-Koch [1], S. 179 und Mäckelmann, S. 31
[6] Hahl-Koch [1], S. 173
[7] vgl. ebd., S. 179
[8] vgl. Kandinsky/Marc, S. 144 und 158
[9] Brief von W. Kandinsky an A. Schönberg, 16.11.1911, in: Hüneke, S. 89
[10] Brief von W. Kandinsky an A. Schönberg, 13.1.1912, in: Hüneke, S. 92
[11] Brief von W. Kandinsky an A. Schönberg, 16.1.1912, in: Hüneke, S. 92 f.
[12] vgl. Kandinsky/Marc, S. 231 ff.
[13] vgl. Brief von W. Kandinsky an A. Schönberg, 3.7.1922, in: Hahl-Koch [1], S. 87 f.
[14] vgl. N. Kandinsky, S. 193
[15] Brief von W. Kandinsky an A. Schönberg, 15.4.1923, in: Hahl-Koch [1], S. 90
[16] vgl. Brief von W. Kandinsky an A. Schönberg, 19.4.1923, in: Hahl-Koch [1], S. 91
[17] N. Kandinsky, S. 193
[18] Brief von A. Schönberg an W. Kandinsky, 19.4.1923, in: Hahl-Koch [1], S. 91
[19] Brief von A. Schönberg an W. Kandinsky, 4.5.1923, in: Hahl-Koch [1], S. 93 ff.
[20] N. Kandinsky, S. 193
[21] ebd., S. 195 f.


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© 1999  Daniel Scheufler